Warum ich Perlentaucher bin

…und keine negativen Rezensionen schreibe

Manchmal beneide ich meine Kolleginnen und Kollegen. Vor allem diejenigen unter ihnen, die den Spagat zwischen ‘Muss ich das jetzt hören?’ und ‘Ich muss das jetzt hören’ vollziehen können. Da werden ungeahnte Weiten und Dehnbarkeiten von Rezeptoren und Nervenzellen aktiviert. Das ist mal mehr, mal weniger schmerzhaft. Man braucht auf jeden Fall ein dickes Fell. Auf beiden Seiten. Ich unterstelle allen Schreibenden, dass sie nicht nur hören, sondern auch wirklich zuhören. Entweder mit der humorvollen Kreativität einer Chemie Studentin oder der nüchternen Betrachtungsgabe eines Bibliothekaren.

Bevor mir jetzt jemand vorwirft, ich wolle auf meinem Blog nur Honig um den Munde schmieren…Laut meinem Neffen ist es das Beste, was es gibt. Ansonsten halte ich es mit der alten Sprechweise: Wenn du nichts Gutes über jemanden zu sagen hast, sag gar nichts. Beziehungsweise schreib nichts. Ein bisschen utopisch, ein bisschen japanisch - ich gebe es ja zu. Aber…

Wie bitte schafft man es, sich “schlechte” Musik anzuhören und darüber eine Rezension zu schreiben? Wie??? Ich frage mit der Naivität und Offenheit einer hoffnungslosen Optimistin. 

Ich hatte es selbst versuchen wollen. Ernsthaft. Die Kategorie sollte ‘Butter bei die Fische heißen’. 

Es blieb beim ‘sollte’.

Den ersten Versuch ging ich mit Joss Stones Album ‘Never Forget My Love’ an. Eigentlich bin ich ein Fan von ihrer Musik und wollte die Lieder ausgiebig besprechen. Als ich dann reinhörte, entschied ich mich anders. Ich mein, wieviel Gesülze passt bitte in so ein Album? Liebe ist ja bekanntermaßen das einzig erstrebenswerte, aber so? Und wie soll man über einzelne Songs schreiben, was sie in einem bewirken, wie sie klingen, wie sie verführen, wie sie locken, wenn sie das Talent einer dicken achtbeinigen behaarten Spinne in sich tragen? Uh.. ja, genau. Und bei aller Liebe zu Spinnen und Joss, das ist so, als würde ich als Fisch über die Wüste schreiben müssen. Wäre ganz schön ins Stottern geraten: Die Akkorde haben öh eine Präsenz mit der sie hüstl die melodische Stimme der Sängerin in die Breite tragen und dann hm tja und dann, dann fing der Schlager an zu wirken…. ich mein..?

Den zweiten Versuch bekam Beyoncé.

Beyoncé - wer mag sie nicht? Selbst außerhalb ihrer Musik ist sie - nun ja - Beyoncé. Ich bin von der Generation, die ihren Crazy in Love Song in der ersten Stunde mitsingen und tanzen wollte - den Schal warfen wir über den Jay Z unserer Wahl. Das war einmal… 

Ich spitzte meine Ohren, öffnete meinen Streamingdienst, scrollte ein bisschen und klickte auf ‘Renaissance’. Beyoncé hat wie alle das Recht, sich weiterzuentwickeln. Ich hatte bereits erfahren, wie kontrovers dieses Album war. Mir war nur nicht bewusst, wie schwierig es für meine Ohren werden würde. Sie fing an in gewohnter Manier zu zwitschern und zu säuseln. 80er Jahre Synthesizer untermauerten die RnB Bässen auf kreative Weise. Doch auf einmal schimpfte sie wie ein Rohrspatz in Basslage. Als ob sie einen auf Dirty Harry des Rap Geschäft machen würde. Hab ich was verpasst? Schau her, wir können wie die Bad Boys! “Watchagonna do when they come for you?” Will Smith gewann in den neunziger Jahren mehrere Musikpreise. Auf der Bühne prangerte er Eminem und Co an, er stünde hier mit dem Preis in der Hand, ohne mit Schimpfworten um sich zu schmeißen. Heutzutage verteilt er Ohrfeigen…

Beyoncé macht dies musikalisch und das führte zum Abbruch des Experiments. Ich wollte es mir einfach nicht mehr antun. Wie schaffen das also die Anderen? Drückt Geld die ganzen Ba-bad bitchy’s in die Ohren? Nun, die einen mögen begeistert zu ihren Lyrics und Beats Twerking vollführen und die Verlogenheit von romantischen Akustik Balladen anprangern. Es geht ja auch nicht um meinen Geschmack, sondern um die Frage, wie man trotz diesen die andere Seite beurteilen kann. Denn das ist meiner Meinung nach nicht möglich. Jedenfalls nicht ohne so richtig zu leiden. Doch das Leben ist kurz und du weißt nie, wann es vorbei ist. Ich selbst wurde diesen Sommer daran erinnert.  

Um meine Frage selbst zu beantworten: es können wohl nur Befürworter der Musikrichtung sein oder Menschen mit einer sehr ausgeprägten Toleranzgrenze. Und Neutralität. Anders ist eine gewisse Professionalität nicht möglich. Und der eigene Musikgeschmack sollte Künstler nicht zerreißen, finde ich. So viel Liebe muss sein.

Also springe ich weiterhin in die See und tauche nach meinen Klangperlen. Mit denen garniere ich dann den Honig.

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